Zweifel an der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist mir wirklich wichtig, dennoch habe ich bei meinen Bemühungen immer wieder Zweifel an ihrer Wirksamkeit. Ich habe mich über den Artikel 1.000 kleine Taten für das Klima in der Zeit gefreut, bei dem ich mich wiedergefunden habe. Ich möchte ihn ergänzen.

Seit einigen Wochen beschäftige ich mich mehr mit dem Thema Nachhaltigkeit. Ich musste feststellen, dass die Vernetzung der Wirtschaft, die Transportwege und die Deklarationen auf den Produkten nicht wirklich zur Vereinfachung beitragen. Ich schaue mir ein Produkt an und möchte optimieren:

  1. Umweltbilanz über den ganzen Lebenszyklus
  2. Preis
  3. Meine Freude bei der Nutzung

Es dauerte eine Weile, bis ich erkannt habe, dass ein Optimum aus allen Kriterien zum einen nicht möglich ist, zum anderen aber auch eine überzogene Erwartungshaltung ist: Bisher habe ich ja auch nur die letzten zwei Punkte optimiert. Wenn es mir gelingt, bei meinen Kaufentscheidungen den Schwerpunkt auf das Kriterium der Umweltbilanz zu legen, ist daher schon viel gewonnen. Ich erziehe mich dazu im Moment, werde aber wohl nicht gleich perfekt sein – wenn überhaupt jemals.

Ich werde vermutlich auch Wasser predigen und Wein trinken. Deswegen ist mein Ansinnen aber nicht falsch. Es ist richtig, auf Fleisch zu verzichten, wenn die Bereitstellung von Fleisch für den gleichen Nährstoffgehalt eine schlechtere CO2 Bilanz hat. Es wird nicht falsch dadurch, dass ich es ausspreche und danach ein Wurstbrot esse. Der Wahrheitsgehalt der Aussage ist unabhängig davon, ob ich oder mein Gesprächspartner es glauben oder leugnen. Ich kann den Wahrheitsgehalt nicht immer prüfen, ich werde aber meine Überzeugung kundtun und daraus meine Handlungen ableiten – selbst auf die Gefahr hin, dass die Kommentare die Glaubwürdigkeit der Aussage fälschlicherweise an meinem Wurstbrot festmachen.

Ich kenne Aussagen wie “Was kann ich schon ausrichten? Soll doch erstmal XY was tun.” Finde ich merkwürdig. Mein falsches Handeln wird doch nicht durch falsches Handeln Anderer auf einmal richtig. Also: Ich leiste, was ich zu leisten in der Lage bin, vielleicht sogar noch etwas mehr und warte nicht auf andere. So einfach ist das.

Konkret: Soll ich mir ein neues Auto kaufen? Grundsätzlich erstmal nicht. So ein Auto herzustellen kostet Energie und materielle Ressourcen. Natürlich ist es nicht so einfach. Ich kenne die Widerworte: Ja, auf dem Land brauchst Du ein Auto, sonst bist abgeschnitten, kannst nicht einkaufen zur Arbeit kommen, usw. Oder: Das Auto wurde doch schon hergestellt, wenn ich es kaufe, damit ist es sowieso zu spät. Das Thema ist ein anderes: Es geht darum, selbst umzudenken. Die Frage nach dem neuen Auto sollte also nicht lauten, was ich mir finanziell leisten kann, sondern wie wenig Auto ich in 80% meines Lebens brauche. Die verbleibenden 20% löse ich dann individuell und als Ausnahme der 80% Regel.

Wenn also 80% der Fahrten nur 50km lang sind, brauche ich mir über die längeren Strecken nur Gedanken machen, wenn sie auftreten. Ich fahre zu 80% nur alleine? Wozu denke ich über einen Viersitzer nach? Elektro-Autos werden teurer? Dann kaufe ich eben kein Auto, ein Gebrauchtes, oder eines, das nicht von VW ist. Die Normalität, mit der fossile Kraftstoffe für den Individualverkehr genutzt werden, muss zur Unnormalität werden, wenn der CO2 Verbrauch aus der Mobilität sinken soll. Was bedeutet das für mich: Ich behalte mein Benzin-Auto, es steht viel rum, wird wenig genutzt und dann nahezu ausschließlich im 100km Umkreis. Ich habe noch keinen Plan was ich tue, wenn das Auto irgendwann kaputt geht. Das sehe ich dann.

Nun habe ich oben von den Zweifeln gesprochen. Da gibt es viele:

  • Soll ich mein Auto verkaufen und bei Bedarf einen Leihwagen nehmen? Car-Sharing gibt es nicht in meinem Ort.
  • Ein Wurstbrot oder zwei mit Paprika-Nussaufstrich?
  • Wo finde ich vegane Schuhe? Erlaubt mein CO2 Haushalt Lederschuhe?
  • Demeter-Milch in der Glasflasche aber 400km Transportweg?
  • Bio-Apfelsaft in der Tetra-Packung mit 400km Transportweg oder nicht Bio-zertifizierten Saft aus der Region?
  • Endlos weitere Fragen und immer: darf ich noch oder ist das zu viel?

Ich habe mal meinen CO2 Fußabdruck berechnet. Das Ergebnis ist, dass mein Ressourcenverbrauch um den Faktor 2,5 zu groß ist. Was sind meine Baustellen? Ernährung und Wohnen. Mobilität und Konsum sind etwas besser aber nicht gut. Das war auch meine Erwartung.

Was bleibt für mich?

Mit dem Sockel-Verbrauch durch die allgemeine Infrastruktur setze ich bereits mehr als 50% meines Kontingents um, ohne dass ich auch nur CO2 ausatme. Auf den Soll-Wert zu kommen ist hart und ich fürchte, dass ich es mit regionalem Bio-Apfelsaft (woher auch immer) nicht schaffe. Bin ich schon bereit für den ganz harten Schnitt? Wasser statt Apfelsaft und doppelt teures Bio-Brot mit Paprika-Nussaufstrich verpackungsfrei gekauft? Ich fürchte ich schaffe es nicht. Und das ist schlimm. Ich muss besser werden, ich will es ja eigentlich gut machen.

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